Deutsche Zwangsarbeiter

"Das Lager beraubte Millionen Opfer des Vorrechts, einzeln, für sich, nicht anonym, zu sterben sowie des Wunsches, den wohl jeder Mensch unterbewusst hegt - nach dem Tod in Erinnerung der Mitmenschen weiter zu leben." Der zitierte Satz entstammt dem Buch von Herling-Grudziński "Inny świat" ("Eine andere Welt").

In der gegenwärtigen Diskussion um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern wird oft vergessen, dass es auch deutsche Zivilisten gab, die u.a. in der Sowjetunion Zwangsarbeit leisten mussten. Sie werden vielfach nicht entschädigt.

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Heute, 2010, nach der Befreiung Polens 1998, wird offen darüber gesprochen. Ein ist erschienen


 

Obozy pracy przymusowej Gliwickiego Zjednoczenia Przemysłu Węglowego 1945–1949
[Die Zwangsarbeitslager der Gleiwitzer Kohleindustrie 1945–1949] / Sebastian Rosenbaum, Bogusław Tracz. Katowice: Instytut Pamięci Narodowej, Komisja Ścigania Zbrodni przeciwko Narodowi Polskiemu – Oddział w Katowicach, 2009. 323 S.: Abb., Fotos, Diagramme; 25 cm. ISBN 9788361458296. Deutschsprachige Zusammenfassung. € 42,–

das dieses Thema behandelt:
www.ipn.gov.pl/portal/pl/229/10697/Obozy_pracy_przymusowej_Gliwickiego_Zjednoczenia_Przemyslu_Weglowego_19451949.html
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Quelle: MDR

Die Ostfront im Januar 1945. Der Angriffskrieg der Wehrmacht ist längst gescheitert. Millionen Menschen in der Sowjetunion sind ihm zum Opfer gefallen. Jetzt rollt die Gegenoffensive der Roten Armee. Unzähligen Zivilisten jenseits von Oder und Neiße wird sie ihr Leben lang in Erinnerung bleiben. Else Thomas lebt zu Kriegsende im niederschlesischen Järischau. Hier - im heutigen Jaroszow - beginnt ihr Leidensweg. Die damals 18-jährige wird auf einen Lastwagen gezerrt und zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert.

Else Thomas
Verschleppte
"Wir bestiegen die Viehwagen z.T. schon sehr geschwächt und krank, unterwegs sind viele dadurch gestorben, die dann einfach in den Bahndamm gelegt wurden, ohne sie zu beerdigen, die Zeit nahm man sich nicht: Es war unerträglich. Das Schlimmste war der Durst, und gefroren haben wir auch sehr, wir hatten keine Decken, nichts. Wir lagen auf den blanken Brettern und das 4 Wochen lang."

Das Ziel der Reise: ein Arbeitslager im westsibirischen Kemerowo. Vier Jahre und neun Monate muss Else Thomas als Zivilistin Zwangsarbeit leisten. Sie muss auf der Kolchose, im Chemiewerk, in der Ziegelei schuften.

Else Thomas
Verschleppte
"Die Ziegelsteine, die wir auf Kiepen schleppen mussten, um Waggons zu beladen, kamen heiß gebrannt aus den Öfen. Wir hatten keine Handschuhe, so dass unsere Hände blutig wurden und wir mit blutigen Händen weiter arbeiten mussten."

Für Stalin sind die Deportationen Teil der deutschen Reparationsleistungen an die Sowjetunion. Mindestens 218.000 Zivilisten werden verschleppt. Die meisten von ihnen sind Frauen und Kinder. Mehr als ein 1/3 stirbt in den Lagern an Schwäche, Seuchen und Unterernährung. Else Thomas überlebt. 1949 kehrt sie in die gerade gegründete DDR zurück. Mit niemandem darf sie über Gulag und Zwangsarbeit sprechen. Eine Entschädigung ist undenkbar.

Else Thomas
Verschleppte
"In der Stadtverwaltung Frohburg, wo meine neue Heimat war, bekam ich da ich einen Zahn verloren hatte nur 15 Mark für den Stiftzahn. Das war alles, was ich an finanzieller Unterstützung in der gesamten DDR bekommen habe."

Kaum besser ergeht es jenen Frauen, die in den Westen zurückkehren. Auch hier ist ihr Schicksal tabu. Nur wenige erhalten eine kleine Entschädigung - eine Mark pro Lagertag. Ursula Seiring bekommt nichts. Ihre Lagerzeit war zu kurz: Eine schwere Beinverletzung hatte ihr Leiden in der sibirischen Hölle vorzeitig beendet. Ende 1947 trifft sie mit einem Krankentransport in Frankfurt/Oder ein. Sie flüchtet zu ihrer Mutter ins Ruhrgebiet.

Ursula Seiring
Verschleppte
"Meine Mutter hatte zwei Paar Schuhe. Erst kriegte ich noch gar keine Bezugsschein. Ein Paar war aus Stoff, ein paar aus Leder. Mir gab sie das Paar aus Leder. Wir hatten eine Schuhgröße. Sie selbst behielt die aus Stoff. Ich hab nicht einen Pfennig Entschädigung, oder irgendwas an Erleichterung und Vergütung bekommen."

Nach der Wende beginnen die Deportationsopfer zu hoffen: SED-Unrecht wird aufgearbeitet, Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft rehabilitiert, das Häftlingshilfegesetz erlassen. Wer nach dem 8. Mai 1945 in sowjetischen Arbeitslagern interniert wurde, bekommt eine Entschädigung: 600 Mark pro Haftmonat. Doch die Zivilisten, die nicht auf dem Gebiet der späteren DDR zur Zwangsarbeit verschleppt wurden, gehen leer aus.

Klaus-Dieter Müller
Historiker
"Es besteht eine große, zumindest historische Ungerechtigkeit darin, dass diese Opfergruppe aus den Rehabilitierungs- und Entschädigungsgesetzen herausfällt. Ihr Manko liegt darin, dass sie östlich der Oder und Neiße inhaftiert worden sind, daher als unter die in der Nachkriegszeit entstandenen Rehabilitierungsgesetze oder auch das Häftlingshilfegesetz, aus diesen Gesetzen herausgefallen sind. Es ist eigentlich eine vergessene Opfergruppe, die bisher eben nicht die notwendige Lobby hat."

Dennoch sieht die Bundesregierung keinen Handlungsbedarf. Die Begründung aus dem Kanzleramt: Schließlich könnten die Frauen bei der "Stiftung für ehemalige politische Häftlinge" Beihilfen beantragen. Das Problem: Geld bekommt nur, wer bedürftig ist.
Für die Opferverbände ist die Stiftungshilfe daher kein Ersatz für eine offizielle Entschädigung - unzumutbar auch die Prozedur der Antragstellung.

Rita Alliger
Bund der Stalinistisch Verfolgten
"Sie müssen aufschreiben, was sie auf dem Sparkonto haben, etc. pp. Ich kenne sehr viele, die sagen, ach nein, dann verzichte ich lieber drauf. Es gibt manche, die haben nicht mal 1000 Mark auf dem Konto und denken das ist viel Geld, ich kann keinen Antrag stellen. Es ist eine andere Generation, sie fühlen sich wie Bettler, wenn sie einen Antrag stellen und sie haben ja keinen Rechtsanspruch, das ist das Schlimme."

Die Bundesregierung sieht sich nicht in der Lage, das zu ändern. Dies sei nicht zu bezahlen und juristisch nicht machbar.

Rolf Schwanitz
Staatsminister im Bundeskanzleramt
"Wir müssten dann das nicht nur für diese Opfergruppe tun, wir müssten dann das SED-Unrechtsbereinigungsgesetz und das Häftlingshilfegesetz auch öffnen für andere Internierungsfälle die beispielsweise bei den Russlanddeutschen, die beispielsweise im Hoheitsbereich osteuropäischer Länder oder der damaligen Sowjetunion ähnliche, vergleichbare Schicksale haben erleiden müssen. Das ist nicht möglich."

Auch bei der Opposition bleiben die ehemaligen Deportierten auf der Strecke. Ein neuer Gesetzesentwurf der Union sieht vor, politisch Verfolgten der SED-Diktatur eine Ehrenpension zu zahlen. 1000 Mark pro Monat sollen sie erhalten. Und die verschleppten Frauen?

Günter Nooke
stellvertretender Fraktionsvorsitzender CDU/CSU
"Wir hätten gern die Verfolgten jenseits von Oder/Neiße mit reingenommen, es handelt sich ja hauptsächlich um ältere Frauen. Das ist rechtlich relativ problematisch. Ist auch von unserer Fraktion mit diesem Gesetz juristisch nicht erfasst worden."

Klaus-Dieter Müller
Historiker
"Die Frauen, die deportiert worden sind, müssen sich zu Recht als Opfer zweiter Klasse fühlen, weil sie in die allgemeinen, für Opfer geltenden Rehabilitierungsgesetzen bisher nicht eingeschlossen worden sind. Denn sie haben ja faktisch einen Teil der Schuld, die Deutschland auf sich geladen hat, abgearbeitet."

Eine finanzielle Entschädigung kann das Leid der Opfer nicht ungeschehen machen. Doch 55 Jahre nach den schrecklichen Ereignissen ist es höchste Zeit zum Handeln - allein, um die Frauen wenigstens moralisch zu rehabilitieren.

Ursula Seiring
Verschleppte
"Langsam kriegt man das Gefühl, dass man kriminell war. Zu jedem anderen Opfer nimmt die Bundesregierung Stellung, zu unseren Opfern nicht. ... Und das habe ich mir zur Aufgabe gemacht: Für die Frauen, die in den Massengräbern Sibiriens liegen, zu kämpfen. Denn an die denkt keiner, noch nicht einmal der Pfarrer in der Kirche, wenn es im November um die Trauertage geht."

Entnommen aus:

http://www.mdr.de/fakt/140776.html

 

Witz des Jahres – 170 Euro Entschädigung für fünf Jahre Zwangsarbeit in Sibirien (21.12.2003)

Berlin: War der ganze Zinnober um die sogenannte Zwangsarbeiterentschädigung in der Bundesrepublik an sich schon ein makaberer Witz, der die deutsche Wirtschaft für nichts und wieder nichts um mehrere Milliarden Euro schädigte und noch schädigt, so wird diesem Prozedere jetzt die Krone aufgesetzt, indem Russland sich gestattet, gleichfalls Entschädigungen zu zahlen und zwar für geleistete Zwangsarbeit von deutschen Zwangsarbeitern.

An sich ein lobenswerter Gedanken, der alle Achtung verdiente, wäre die Ausführung nicht so miserabel und kleinlich. Wie die WELT AM SONNTAG heute berichtet, wurde dieser Tage in Russland erstmals ein zu Zwangsarbeit in Workuta verurteilter Deutscher offiziell rehabilitiert, sondern auch mit einer Entschädigung bedacht. Sprach ihm die Russische Föderation für die fünfjährigen Leiden in Sibirien die geradezu fürstliche Summe von 170 Euro zu.

Damit Heinz Bornschein, so der Name des einstigen Zwangsarbeiters, sein Entschädigungsgeld jedoch nicht auf einmal ausgibt, ist er angehalten, auf eigene Kosten nach Russland zu kommen, um dort für sein Entschädigungsgeld ein Bankkonto anzulegen. Offenbar wünscht man in Russland nicht, dass allzu große Geldsummen außer Landes gehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Summe erhöht, wird vom Auswärtigen Amt, dass auf diesen offenen Affront mit Überraschung reagierte, skeptisch beurteilt. Wie es heißt, bemüht sich nun die deutsche Botschaft in Moskau um einen zumutbareren Zahlungsmodus.



 

170 Euro für 5 Jahre Zwangsarbeit in Workuta!



Nun sollte man eigentlich erwarten, dass deutsche Politiker von einigem Format den Russen ihre 170 Euro vor die Füße werfen und ihnen zu verstehen geben, dass auf ihre Rehabilitierung getrommelt und gepfiffen ist, statt dessen aber werden wir wieder einmal mehr mit der Tatsache konfrontiert, dass wir eben doch nur in einer Bundesrepublik leben und nicht in einem Staat mit nationaler Selbstachtung. So gibt es statt einer eindeutigen Erklärung lediglich das Gesabbel der saarländischen Innenministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), die dazu nichts weiter zu sagen weiß, als:
„Die Diskussion über die Modalitäten zur Entschädigung deutscher Zwangsarbeiter muss neu geführt werden." Aber sie betont: "In der Sache geht es nicht darum, das Leid der Menschen, die in Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten, durch die Anerkennung des Leids der deutschen Zwangsarbeiter zu relativieren. Es geht vielmehr darum, das persönliche Leid eines jeden Menschen, der Opfer von Zwangsarbeit war - egal warum, wann und wo -, anzuerkennen. Eine angemessene Entschädigung aller Zwangsarbeiter - auch der deutschen - zu erreichen, hat also nicht die Herabsetzung des Leids der Opfer des Nationalsozialismus zum Ziel, sondern ganz im Gegenteil Gerechtigkeit für jedwedes Opfer dieser furchtbaren Zeit." Wie man sieht, nichts als sinnloses Wortgeklingel, dass zu nichts weiter dient, als um Zeit zu gewinnen bis der letzte deutsche Zwangsarbeiter unter der Erde ist.

Während dessen zeigt sich die Bundesrepublik ehemaligen russischen Fremdarbeitern, die Jahrzehnte nach dem Krieg zu „Zwangsarbeitern“ mutiert sind, wesentlich generöser. So müssend diese keineswegs erst nach Deutschland reisen, um ihr Geld zu bekommen. Außerdem sind ihre Bezüge aus Deutschland wesentlich großzügiger bemessen, so erhält ein Russe, der während des Krieges in der deutschen Landwirtschaft tätig war rund 2500 Euro, obwohl er dabei nicht im Entferntesten den Bedingungen ausgesetzt war, wie Deutsche nach dem Krieg in russischer Zwangsarbeit.

In der WELT AM SONNTAG heißt es zur deutschen Zwangsarbeit nach dem 2. Weltkrieg in Russland: ...Jüngste Forschungsergebnisse dokumentieren, was deutsche Zwangsarbeiter unter Stalin leisten mussten. Der sowjetische Geheimdienst NKWD bezifferte im Juli 1950 die Gesamtzahl der deutschen Zwangsarbeiter auf 271 672, darunter 63 433 aus dem Gebiet der DDR. Insgesamt kehrten 66 468 Deportierte vom Zwangsarbeitereinsatz nicht zurück. Es gab so gut wie kein größeres Bauvorhaben oder Industrieprojekt der Sowjetunion im ersten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg, an dem nicht "volksdeutsche" Zwangsarbeiter beteiligt waren: darunter U-Bahn-Linien, Eisenbahnstrecken, das Dynamo-Stadion in Moskau. Deutsche Zwangsarbeiter haben zwischen den Jahren 1944 und 1949 in der Sowjetunion insgesamt 98,5 Millionen Tonnen Kohle gefördert. Hinzu kamen Bau- und Montagearbeiten im Wert von 5,91 Milliarden Rubel. Entschädigungszahlungen werden die allermeisten der heute noch lebenden Zwangsarbeiter wohl nicht mehr erhalten.“

Tatsachen wie diese hätte eine wirklich deutsche Regierung ihren Kontrahenten sicher in Rechnung gestellt, wenn diese sie um Entschädigungszahlen für längst verjährte Kriegsereignisse angegangen wären, aber wir leben nun einmal in der Bundesrepublik mit einer Regierung, die für solche Belange noch nie wirkliches Verständnis gezeigt hat und die nur darauf bedacht ist, es allen möglichen politischen Strömungen in der Welt recht zu machen, nicht aber dem eigenen Volke. Letzteres muss sich allerdings gesagt sein lassen, dass jedes Volk nur die Regierung hat, die es auch verdient.

Siehe auch
Welt am Sonntag 21.12..03
http://www.wams.de/data/2003/12/21/214072.html?s=1
http://www.wams.de/data/2003/12/21/214072.html?s=2